Eine Liebe zum Tal
Die Geschichte der Casa Walser beginnt in den frühen 1960er-Jahren, als Dr. Peter Walser das erste Mal ins Valle Onsernone kam. Damals war die kurvenreiche Strasse noch nicht asphaltiert – eine Schotterpiste, deren Rand zum Abgrund nur von Leitsteinen markiert wurde. Das Tal war Rückzugsort bedeutender Künstler und Schriftsteller: Golo Mann, Alfred Andersch und Max Frisch hatten Häuser in Berzona.

In den 1970er-Jahren verbrachte die Familie Walser regelmässig ihre Ferien im gemieteten Tessiner Haus in Berzona. Wanderungen, Baden im kühlen Bach, Abende auf der Veranda mit Blick auf die Granitdächer und das metallische Läuten der Abendglocken – das Tal wurde zur zweiten Heimat. Wenn die Schatten im Herbst länger wurden, roch es in den Dörfern nach Holzfeuern.
Der Entschluss zum eigenen Haus
Anfang der 1980er-Jahre reiften bei Dr. Peter und Dr. Gertrude Walser, beide Ärzte mit eigener Praxis in Zürich, der Plan, ein Ferienhaus im Tessin zu erwerben. Sie besichtigten verschiedene Objekte, doch keines entsprach ihren Vorstellungen. Der Entschluss war klar: Sie würden ihr eigenes Haus bauen, ganz nach ihren Wünschen.
Mehrere Jahre suchten sie nach geeignetem Bauland. 1985 wurden sie am unteren Dorfrand in Loco fündig: eine Parzelle im terrassierten Weinberg mit überwältigendem Ausblick ins Tal. Aus Sorge vor möglicher Umzonung beeilten sie sich, einen geeigneten Architekten zu finden.
Die Wahl: Luigi Snozzi
Als kulturell breit gebildete Menschen – Musik, Literatur, Theater, Malerei und Architektur spielten eine zentrale Rolle in ihrem Leben – kamen die Walsers schnell auf die Neue Tessiner Architektur, die in den 1980er-Jahren ihre Blüte erlebte. Sie schauten sich Häuser von Luigi Snozzi und Livio Vacchini an und trafen sich mehrfach mit beiden Architekten. Auch Mario Botta zogen sie in Erwägung, doch dessen Bauten waren Peter Walser zu monumental.

Die Entscheidung fiel auf Luigi Snozzi. Als grosse Freunde der Bauhausschule schätzten die Walsers seine klare Formsprache, die radikale Reduktion und grosse Präzision im Detail. Wichtig war ihnen zudem, dass sich Snozzi mit der Tessiner Topografie auseinandersetzte und den Bezug zur historischen Bausubstanz herstellte.
Ein intensiver Dialog
1985 begann die Planung des Ferienhauses. In zahlreichen Gesprächen wurde die Idee des Hauses entworfen und verfeinert – die vielen Planskizzen zeugen von einem intensiven Diskurs zwischen Bauherren und Stararchitekt. Eine Diskussion drehte sich um den von Peter Walser gewünschten Kamin in der Küche. Snozzi war strikt dagegen – bis mein Vater argumentierte, dass alte Tessiner Küchen ihre Feuerstelle ebenfalls dort hatten. Snozzi gab nach.

Auch zwischen den Bauherren gab es Diskussionen: Bei den Bodenbelägen wollte Peter Walser ein warmes Eichenparkett, während Gertrude Walser die strikt durchgehaltene Schwarz-Weiss-Gestaltung bevorzugte. Sie setzte sich durch. Dafür konnte sich Peter Walser bei den Farbakzenten in den Schlafzimmern durchsetzen – heute erstrahlen die Zimmer wieder in den ursprünglichen Farben Grün, Rosa und Blau in Anlehnung an Le Corbusier.
Konsequenz ohne Kompromisse
Die Walsers bauten das Haus in ihrer zweiten Lebenshälfte, beide über fünfzig – ein mutiger Schritt, den sie konsequent in die Tat umsetzten. Sie verzichteten darauf, ausrangierte Möbel ins Ferienhaus abzuschieben. Stattdessen wurde das Haus durchgehend mit italienischen Designermöbeln von Knecht Arredamenti in Locarno ausgestattet. Es war ihnen wichtig, dass man im Ferienhaus auf nichts verzichten musste: High-End-Stereoanlage, Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner gehörten zur Ausstattung.
Positiv auf die Baukosten wirkte sich aus, dass der damals längste Kranausleger im Tessin genau bis in die Baugrube reichte. So waren keine kostspieligen Helikopterflüge für Materialtransporte nötig.
Einweihung und glückliche Jahre
Zur Hauseinweihung 1986 veranstalteten die Walsers ein grosses Fest. Über sechzig Freunde von nah und fern kamen ins Tessin – zum Apéritif im Haus, anschliessend zum fürstlichen Dinner im Ristorante Centovalli in Ponte Brolla und am nächsten Morgen zu einer Führung auf dem geschichtsträchtigen Monte Verità hoch über Ascona.

Die Walsers liebten ihr Haus im Valle Onsernone. Über achtzigjährig verbrachten sie 2021 zum letzten Mal ein paar glückliche Tage im Tessin, gemeinsam mit der Familie beim geliebten Steinpilzrisotto im Centovalli. In Berzona, auf dem kleinen Friedhof unterhalb des Dorfes, haben sie ihre letzte Ruhestätte in einem schlichten Urnengrab gefunden.
Das Erbe weitergeben
Heute bin ich, Dr. Christoph Walser, Eigentümer der Casa Walser. Meine Eltern haben dieses Haus aus Liebe zur Architektur und zum Tal gebaut. Ich führe ihr kulturelles Erbe weiter im Gedenken an sie und ihnen zu Ehren. Als Gastgeber mache ich es Architekturinteressierten zugänglich, die verstehen, was meine Eltern bewegte – die Liebe zu konsequenter Gestaltung und zu diesem stillen Tal.