Eine Liebe zum Tal
Mein Vater kam in den frühen 1960er-Jahren zum ersten Mal ins Valle Onsernone. Die Strasse war eine Schotterpiste, der Abgrund nur mit Leitsteinen markiert.

In den 1970er-Jahren mieteten meine Eltern jeden Sommer ein Haus in Berzona. Wandern, im kalten Bach baden, abends auf der Veranda sitzen. Im Herbst roch es in den Dörfern nach Holzfeuer.
Der Entschluss zum eigenen Haus
Anfang der 1980er-Jahre wollten meine Eltern ein eigenes Haus im Tessin. Beide waren Ärzte mit Praxis in Zürich. Sie besichtigten mehrere Objekte. Keines passte. Also bauten sie selbst.
1985 fanden sie die Parzelle am unteren Dorfrand von Loco. Terrassierter Weinberg, Blick ins Tal. Sie fürchteten eine Umzonung und suchten schnell einen Architekten.
Musik, Literatur, Theater und Architektur gehörten zu ihrem Leben. Die Tessiner Schule erlebte damals ihre Blüte. Sie sahen sich Häuser von Luigi Snozzi und Livio Vacchini an und trafen beide mehrmals. Mario Botta war meinem Vater zu monumental.

Sie entschieden sich für Snozzi. Sie mochten das Bauhaus und seine klare Formsprache. Und sie schätzten, dass er mit der Topografie des Tals arbeitete.
Planung und Bau
1985 begann die Planung. Die vielen Skizzen zeigen, wie lange sie gerungen haben. Mein Vater wollte einen Kamin in der Küche. Snozzi war strikt dagegen. Bis mein Vater einwandte, alte Tessiner Küchen hätten ihre Feuerstelle genau dort. Snozzi gab nach.

Die Bauherren waren sich nicht immer einig. Mein Vater wollte warmes Eichenparkett, meine Mutter das durchgehende Schwarz-Weiss. Sie setzte sich durch. Dafür bekam er die Farben in den Schlafzimmern.
Sie bauten das Haus mit über fünfzig. Ausrangierte Möbel kamen ihnen nicht ins Ferienhaus. Sie richteten es komplett mit italienischen Designmöbeln von Knecht Arredamenti in Locarno ein. Auf Spülmaschine, Waschmaschine und Stereoanlage verzichteten sie nicht.
Beim Bau half ein Zufall. Der damals längste Kranausleger im Tessin reichte bis in die Baugrube. Das ersparte teure Helikopterflüge.
Einweihung und Erbe
1986 feierten sie die Einweihung mit über sechzig Gästen. Apéro im Haus, Abendessen im Ristorante Centovalli in Ponte Brolla, am nächsten Morgen eine Führung auf dem Monte Verità.

2021 waren meine Eltern zum letzten Mal hier, beide über achtzig. Wir assen gemeinsam Steinpilzrisotto im Centovalli. Heute liegen sie auf dem kleinen Friedhof unterhalb von Berzona.
Nun gehört das Haus mir. Meine Eltern haben es aus Liebe zu diesem Tal gebaut. Ich öffne es für Gäste, die gute Architektur mögen und sie an diesem wunderschönen Ort erleben wollen.