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Essenz

Foto: Christoph Walser

Die Casa Walser liegt im terrassierten Weinberg unterhalb von Loco – ein Kubus aus Sichtbeton mit Pyramidendach, streng und klar. Aussen wirkt das Haus bescheiden, beinahe introvertiert. Doch wer eintritt, erlebt eine räumliche Choreografie: Ein Weg vom Dorf führt über eine Passerelle ins Obergeschoss und setzt sich im Inneren spiralförmig fort – hinab durch das Haus, hinaus ins Tal.

Wahrhaftigkeit

Snozzi sagte: „Die Natur erträgt nichts als die Wahrheit“. Das Haus gibt sich nicht als etwas aus, was es nicht ist. Kein folkloristisches Holzchalet, keine falsche Anpassung. Stattdessen: aussen roher Beton in hellem Grau, präzise Geometrie, schwarze Stahlrahmen. Und doch – oder gerade deshalb – fügt sich das Haus in die Landschaft ein. Es hebt sich ab, um in Dialog zu treten.

Gerahmte Ausblicke

Das Obergeschoss dreht sich um einen zentralen Luftraum – eine Galerie, die auf drei Seiten um die Leere läuft. Drei runde Fenster wie Bullaugen: eines zum Dorf, eines zum bewaldeten Hang, eines zur Pergola. Die Landschaft wird nicht konsumiert, sondern gerahmt – „wie durchs Fernglas gesehen“, schrieb die Zeitschrift Häuser 1990. Jeder Ausblick ist eine bewusste Inszenierung.

Foto: Christoph Walser

Eine Treppe tiefer öffnet sich das Haus zum Tal: eine grosse halbkreisförmige Verglasung in der Loggia, geschützt durch klare vertikale und horizontale Linien, die „das Beste des Aussen ausschneiden“. Davor der Esstisch, in privilegierter Position. Von der Loggia führt ein terrassierter Weg zur Pergola – wieder ein gerahmter Ort, zwischen Weinberg und Weite.

Schwarz und Weiss

Innen herrscht radikale Klarheit: Alles ist strikt schwarz-weiss gehalten. Weisse Wände, weisse Keramikböden, schwarze Fensterrahmen, schwarze Türen. Die Möbel: italienisches Design der 1980er-Jahre, zeitlos und funktional. Nur in den Schlafzimmern an der Rückseite setzen Farben Akzente – Türkis, Rosa und Blau in Anlehnung an Le Corbusier. Nichts lenkt ab von dem, worum es eigentlich geht: Raum, Licht, Ausblick.

Foto: Christoph Walser

Rückzug und Wärme

Das Valle Onsernone ist eines der stillsten Täler des Tessins. Das Haus verstärkt diese Stille – es ist ein Rückzugsort, ein Kraftort.

Foto: Christoph Walser

Ganzjährig bewohnbar wärmt im Winter die Fussbodenheizung, und in der Küche lodert das Feuer im offenen Kamin, wie in alten Tessiner Häusern. Der Gegensatz zwischen moderner Strenge und archaischer Wärme ist nur scheinbar. Beides gehört zusammen – grauer Beton aussen und reines Schwarz-Weiss innen, Geometrie und Landschaft, Askese und Sinnlichkeit.

Foto: Christoph Walser

Das Haus stellt keine Fragen. Es ist eine Antwort.